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Dark Times

1. April 2009

Der Zeitraum zwischen 1985/86 und 1991 wird unter Star Wars Fans in Anlehnung an Ben Kenobis Beschreibung der Herrschaft des Imperiums als „Dark Times“ bezeichnet.

Es war offensichtlich geworden, dass GL in absehbarer Zeit nicht vorhatte einen weiteren SW Film in die Kinos zu bringen, die „Ausbreitung“ des Expanded Univers war mit den Filmadaptionen, den Büchern über Han Solo und Land Calrissian, sowie „Spinter of the Mind’s Eye“ zum Erliegen gekommen und auch Marvel beendete 1986 nach insgesamt 107 Ausgaben, die uns so wunderbare Charaktere wir Jaxxon, das zwei Meter große grüne Kaninchen gebracht hatten ihre Comic Serie, die 1977 begonnen hatte.

In den Spielzeugläden wurden die SW Figuren und Raumschiffe zunächst verramscht und schließlich komplett  aus den Regalen verdrängt und durch anderes Zeug ersetzt („Masters of the Universe“, anyone?).

Und schließlich hörte es irgendwann auf cool zu sein, als SW Fan zu gelten und man wurde schnell in jene Geek-Lade einsortiert, in der schon die Star Trek Fans auf einen warteten. Waren Mädchen noch vor Kurzem in hellste Verzückung geraten, wenn man auf einer Party erwähnte Episode IV mehr als 50 mal gesehen zu haben und warfen einem Küsse, ihre Unterwäsche und bündelweise Banknoten entgegen (gut, das war jetzt vielleicht ein bisschen übertrieben – mir zumindest ist das nie passiert), so folgte auf eine entsprechend Erwähnung von nun an zunächst einige Sekunden betretenes Schweigen gefolgt von der Aussage, dass man sich zwar wirklich gerne noch weiter unterhalten hätte, man aber nun leider noch einige Fliegen für die fleischfressende Pflanze der Cousine fangen müsse, oder zu Hause noch ein ganzer Stapel Tennissocken darauf wartete, mit einem Monogramm bestickt zu werden.

Kurz, Star Wars verschwand aus dem allgemeinen Blickfeld und es sollte sehr lange dauern, bis es wieder darin auftauchte. Selbst für Fans!

Und auch in meinem Leben passierte etwas, mit dem ich noch vor Kurzem nicht gerechnet hätte: SW hörte auf das helle Zentrum meines Lebens zu sein. Natürlich passiert das nicht von Jetzt auf Jetzt. Ich bin nicht eines Morgens aufgewacht, habe mich in den Spiegel geschaut und zu mir gesagt: „Mein Gott, was habe ich nur die letzten Jahre mit diesem Star Wars Dreck für eine Zeit verschissen?!“.

Ich war mittlerweile 13 und steckte voll in der Pubertät. Irgendwann hatte ich begonnen, die Freuden populärer Musik zu entdecken, was insofern nicht ganz unproblematisch war, als unsere Wohnung recht dünne Wände hatte (tatsächlich machten die Tapeten etwa ein Dritte der Wandstärke aus) und für meine Mutter alles westlich von „Simon and Garfunkel“ nicht mehr Musik sondern nur noch Krach war. Ich verbrachte also zahllose Abende in dieser Zeit damit, mir dicke Kopfhörer aufzusetzten und mein Gehirn mit ABBA, Tina Turner, Joe Cocker, Kim Wilde, Cher und AC/DC zuzudröhnen.

In der Schule musste ich mich im Laufe der vierten Klasse für den fachlichen Zweig entscheiden, den ich ab der fünften weiter verfolgen wollte. Zur Wahl stand: neusprachig (mit französisch als zweiter Fremdsprache), humanistisch (mit Altgriechisch als zweiter toter Sprache) und realistisch (mit verschärfter Mathematik und darstellender Geometrie). Neusprachig schied sehr schnell aus, da ich Englisch schon nicht mochte (eine Beziehung, die durchaus auf Gegenseitigkeit beruhte) und ich nicht den Masochismus aufbringen konnte, mir das noch ein weiteres Mal anzutun. Humanistisch fiel schließlich durch, da ich der Meinung war, dass es durchaus ausreichte, eine Sprache zu lernen, deren letzter native Speeker vor vielen Jahrhunderten ausgestorben war. Also Mathematik und Da-Ste.

Aus fachlicher Sicht war diese Wahl wohl richtig, aus menschlicher Sicht war sie eine einzige Katastrophe und was folgte waren rund zwei Jahre tiefster menschlicher und schulischer Depression (wobei das eine das andere befruchtete und umgekehrt - Dark Times fürwahr!!!)

Mit der Pubertät gingen auch noch einige andere Veränderungen einher: 1985 habe ich mich erstmals rasiert, mit dem uralten Rasierapparat meines Großvaters, der so stumpf war, dass er zwar die spärlichen Stoppeln in meinem Gesicht weitgehend unangetastet ließ, mein Gesicht aber dafür tagelang aussah, als wäre ich in einem Solarium eingeschlafen. Seit dem bin ich Nassrasierer.

Die Poster von Dampflokomotiven, Katzenbabies und der Skyline von New York in meinem Zimmer wurden verdrängt durch solche mit Madonna – in schwarzer Spitzenunterwäsche, Samantha Fox – in weißer Spitzenunterwäsche und Sandra Cretu (ohne Spitzenunterwäsche, dafür mit einer unglaublich engen, geilen Jeans).  

Und schließlich wurde die abstrakte und doch irgendwie hoffnungslose Verknalltheit in eine Prinzessin Leia von Alderaan abgelöst von einer wesentlich konkreteren, wenn auch oft genug genauso hoffnungslosen Verknalltheit in irdische Mädchen mit Namen wie Elvira, Barbara, Bernadette und Christine.

Meine Begeisterung für Star Wars wurde im Laufe der Zeit durch mehrere andere Themen verdrängt bzw. ersetzt. In chronologischer Reihenfolge:

  • Garfield (ab 1985)
  • Stephen King (ab 1986)
  • Formel 1 (ab 1989)
  • Star Trek (nur kurz! ab 1990 – es hab ja sonst nicht viel in Bezug auf Science Fiction)
  • Twin Peaks (ab 1990)
  •  Akte X (ab 1993)

Für keines dieser Themen schäme ich mich und ich bin ihnen allen auch heute noch freundschaftlich verbunden.

 

Rückblickend bin ich überzeugt, dass mich SW in all diesen Jahren nie wirklich verlassen hat (und ich es nicht). Es war vielmehr wie ein großer Bär, der sich am Ende des Herbstes in seine Höhle zurückzog, um den Winterschlaf zu halten. Von Zeit zu Zeit wachte der Bär auf, blinzelte kurz und stellte fest, dass der Winter noch nicht vorbei war und schlief wieder weiter. Nur dass der Winter in diesem Fall nicht sechs Monate, sondern rund 10 Jahre dauern sollte.

Gleichzeit ist mir mittlerweile jedoch auch (schmerzlich?) bewusst geworden, dass die Welt, die sich dem großen Bären präsentiere, als er schließlich schläfrig aus seiner Höhle trat, sich streckte  und in die aufgehende Sonne blinzelte eine völlig andere war, als die, die er hinter sich gelassen hatte, als er in seine Höhle getrabt war um zu schlafen. Ich werde SW nie wieder mit den gleichen Augen sehen, wie damals Mitte der 80er Jahre. Nie wieder diese naive Faszination empfinden, wenn die „Davastator“ sich hinter der „Tantive IV“ ins Bild schob und ich nicht fassen konnte, wie riesig dieser Sternzerstörer war. Nie wieder in der gleichen Art und Weise mit Luke mitfiebern, wenn es sich Vader auf Bespin stellte, gegen den Rancor kämpfte oder derart entsetzt sein, wenn der Imperator schließlich seine Machblitze gegen den jungen Jedi schleuderte. Als der Bär schließlich wieder aus seiner Höhle kam und Star Wars langsam begann wieder den Status in meinem Leben einzunehmen, den es auch heute noch hat, drückte bereits das auf meine Schultern, das Stephen King „das Gewicht des Unglaubens“ nennt – die Unfähigkeit der meisten Erwachsenen, die Welt mit jenen Augen zu sehen, wie es Kinder so selbstverständlich tun.

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